Aus dem Kapitel: Zaids Widerstand
Ich frage ihn, was sein größter Traum sei. „Frieden“, antwortet er. Aber danach wünsche er sich eine ganz große Familie mit mindestens zwölf Kindern, „damit zu Hause richtig was los ist!“ Zwei oder drei Kinder finde er zu langweilig. Wenn Gott seiner Frau und ihm Kinder schenke, werde er seine ersten beiden Söhne Haroun und Karim nennen, wie seine Brüder. Wieder folgt ein langes Schweigen. Wie ein dunkler Schatten legt sich die Erinnerung an seine toten Brüder auf Zaids Gesicht.
Nach einer Weile fährt er fort, seine Frau solle gut erzogen und natürlich möglichst hübsch sein. Ob sie ein Kopftuch, den Hijab, trage, entscheide sie allein. Aber er sehe das schon recht gerne. Das sei Teil ihrer Religion. Sein Glaube sei für ihn sehr wichtig. Die Jungfrau Maria – er sagt „Maryam“ – trage auf den Bildern, die er kenne, auch immer einen Schleier. Aber darüber werde es mit ihm nie Streit geben. Die schwarze Abaja, den Ganzkörperschleier, müsse seine Frau sowieso nicht tragen.
Er könne sich auch gut vorstellen, eine Schiitin oder Kurdin zu heiraten, antwortet er auf meine entsprechende Frage. „Auch eine Ausländerin?“, bohre ich nach. Selbstverständlich, wenn er sie liebe und sie ihn auch, warum nicht? „Ihr Westler habt manchmal komische Fragen“, antwortet er fast ein wenig beleidigt.
„Wir haben die gleichen Träume wie ihr. Ich hätte gerne eine große Familie, ein großes japanisches Auto – eure deutschen Autos sind mir zu teuer – und irgendwann, wenn ich hart arbeite und Erfolg habe, auch ein kleines Haus. Ich glaube, man kann alles erreichen, wenn man hart arbeitet.“
Aber die Verwirklichung all dieser Träume liegt für Zaid in weiter Ferne. Er weiß das nur zu gut. Im Irak ist Krieg, seine Brüder sind tot, und er ist Widerstandskämpfer. Er weiß, dass jeder Tag sein letzter sein kann, auch wenn in der Innenstadt von Ramadi gerade einmal Feuerpause ist. Schon morgen kann man ihn bitten, an einem Einsatz im Umfeld von Ramadi teilzunehmen.
Was sich für ihn mit dem Namen USA verbinde, frage ich ihn. In seiner Kindheit habe er die USA trotz der harten und bitteren Sanktionen wegen ihrer Fortschrittlichkeit und Tüchtigkeit bewundert. Der Krieg habe sein Bild völlig verändert. Das gelte für die gesamte muslimische Welt.
„Wir haben ihnen nie etwas getan, und trotzdem haben sie unser Land und unser Leben zerstört.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass er den Amerikanern jemals den Tod seiner Brüder verzeihen könne. Er werde die Stunden, in denen sein kleiner Bruder hilflos vor seinen Augen verblutet sei, niemals vergessen, niemals.
Dann stelle ich die Frage, die Zaid am meisten fürchtet – und ich eigentlich auch. Ich frage ihn, wann er sich zum ersten Mal an einem Anschlag gegen die amerikanischen Truppen beteiligt habe. „Vor vier Monaten, im April 2007“, antwortet er nach langem Zögern.
Zaid ist aufgestanden und verlässt den Raum. Abu Saeed und ich schauen uns schweigend an. Der kleine Ali kommt mit seinem zerknautschten Ball zu mir. Er will wieder mit mir spielen. Aber das kann ich jetzt wirklich nicht.







